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19. Juni 2026

Beckerath, Erwin E. von Beckerath, Erwin E. von

Der Wirtschaftswissenschaftler Erwin E. von Beckerath lehrte von 1939 bis 1957 an der Universität Bonn. Er war Mitbegründer der List-Gesellschaft, Direktor des deutsch-italienischen Kulturinstituts (Petrarca-Haus) in Köln, leitete den Dritten Freiburger Kreis und war Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats beim Bundesministerium für Wirtschaft.

Erwin von Beckerath
Erwin von Beckerath © ULB Bonn
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Erwin von Beckerath wurde am 31. Juli 1889 in Krefeld geboren. Im Laufe seines Lebens erlebte er vier unterschiedliche Regierungsformen und zwei Weltkriege. Aufgewachsen im Deutschen Kaiserreich, begann er seine wissenschaftliche Karriere in der Weimarer Zeit, war während des Dritten Reichs Professor in Köln und Bonn sowie beratender Wissenschaftler in der jungen Bundesrepublik Deutschland.  

Nach dem Abitur 1908 studierte von Beckerath Nationalökonomie, Geschichte und Philosophie in Freiburg, Göttingen und Berlin. Dort, an der Friedrich-Wilhelms-Universität in Berlin, schloss er 1912 seine Promotion ab mit dem Thema: Die preußische Klassensteuer und die Geschichte ihrer Reform bis 1851. 1913 ging er zunächst nach Göttingen, wo der Ökonom und Experte des Verkehrswesens Gustav Cohn (1840-1919) lehrte. Noch im gleichen Jahr zog es von Beckerath nach Leipzig. Dort arbeitete er als wissenschaftliche Hilfskraft im Seminar des Nationalökonomen und Wirtschaftshistorikers Wilhelm Stieda (1852-1933). Mit dem Ausbruch des Krieges im Sommer 1914 kam seine wissenschaftliche Tätigkeit vorerst zum Erliegen. Im Februar 1915 wurde er eingezogen, musste aber nicht an die Front, sondern wurde mit zivilem Offiziersrang als Erzieher der sächsischen Prinzen eingesetzt. Anfang 1916 wurde er im Auftrag des Berliner Ministeriums an die Handelskammer Bremen beordert, um dort an einer Studie der Rohstoffversorgung mitzuarbeiten. Im März 1917 konnte er schließlich an die Universität Leipzig zurückkehren, wo er sich 1918 mit der Arbeit Die Seehafenpolitik der Deutschen Eisenbahnen und die Rohstoffversorgung habilitierte. Zwei Jahre später, 1920, wurde er als außerordentlicher Professor an die Universität Rostock berufen. 

1922 zog es von Beckerath nach Kiel, wo er bis 1924 als ordentlicher Professor für Wirtschaftliche Staatswissenschaften an der Kieler Christian-Albrechts-Universität tätig war. Zudem wurde er dort 1923 zum Dekan der Rechts- und Staatwissenschaftlichen Fakultät ernannt. 1924 erhielt er eine Professur für Nationalökonomie an der Kölner Universität. Schließlich wechselte er 1939 an die Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn, wo er 1957 emeritiert wurde. 

Während seines Wirkens in Köln veröffentlichte von Beckerath sein viel beachtetes Werk Wesen und Werden des faschistischen Staates (1927). Es handelt vom italienischen Faschismus – eine damals unbekannte Regierungsform – und dessen geistigen Vätern Enrico Corradini, Giovanni Gentile und Georges Eugène Sorel. Schon vor dem Ersten Weltkrieg hatte von Beckerath Italien bereist und auch später zog es ihn immer wieder dorthin. Laut seinem Schüler und späteren Kollegen Norbert Kloten habe sich Beckerath vor allem für die Entwicklungslinien des italienischen Faschismus und für die Idee eines Korporativstaates interessiert, und zwar vor dem Hintergrund einer allgemeinen politischen Desorientierung nach dem Großen Krieg. Von 1931 bis 1939 war von Beckerath zudem Co-Direktor des Petrarca-Haus. Das deutsch-italienische Kulturinstitut ging auf eine Initiative des damaligen Oberbürgermeisters Konrad Adenauer zurück.

In die Kölner Zeit fällt auch von Beckeraths Mitarbeit in der 1924 gegründeten Friedrich-List-Gesellschaft, die von Bernhard Harms, dem Gründer des Kieler Instituts für Weltwirtschaft, und dem Wirtschaftswissenschaftler Edgar Salin ins Leben gerufen wurde. Die Gesellschaft hatte es sich zur Aufgabe gemacht, wirtschafts- und sozialpolitische Probleme zu lösen. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten löste sich die List-Gesellschaft 1934 selbst auf. 

Da sich Italien offensichtlich nicht im Sinne von Beckeraths zu einem Korporativstaat entwickelte, der die verschiedenen Interessen mithilfe einer neuen Wirtschaftsordnung zusammenbringen würde, rückte er Ende der 1930er Jahre allmählich von dieser Idee ab und wandte sich stattdessen der Theorie des von Walther Eucken entwickelten Ordoliberalismus zu. Im November 1940 nahm von Beckerath an einem Treffen zur „Erforschung der völkischen Wirtschaft“ teil, die die „Klasse IV“ der Akademie für Deutsches Recht unter der Leitung des Ökonomen Jens Jessen einberufen hatte. Jessen nutzte diese Möglichkeit, um Ökonomen zusammenzubringen, die dem nationalsozialistischen Regime kritisch gegenüberstanden. Einige von ihnen wie Walther Eucken und Constantin von Dietz hatten zudem in dem Verein für Socialpolitik (gegründet 1873) mitgewirkt, der es sich zum Ziel gesetzt hatte, der Politik beratend zur Seite zu stehen, die Forschung voranzutreiben und als Diskussionsforum zu dienen.  Der Verein löste sich 1936 unter seinem damaligen Vorsitzenden von Dietz selbst auf. 

Die Arbeitsgemeinschaft zur „Erforschung der völkischen Wirtschaft“ bildete neun Ausschüsse, darunter einen für Volkswirtschaftslehre, dessen Leitung von Beckerath übernahm. Mit der Begründung, dieser Ausschuss sei nicht kriegsrelevant, wurde er im März 1943 geschlossen. Daraufhin entschied von Beckerath, diesen Ausschuss privat weiterzuführen. Damit konnte er die Teilnehmer selbst auswählen, die er für geeignet hielt, und die Diskussionen mussten sich nicht mehr an Vorgaben der Akademie halten, was gegenüber der Regierung natürlich ein Risiko barg. Zu den geladenen Personen gehörten Franz Böhm, Constantin von Dietz, Walther Eucken, Jens Jessen, Adolf Lampe, Erich Preiser, Günther Schmölders, Heinrich von Stackelberg und Theodor Wessels. Diese Arbeitsgemeinschaft Erwin von Beckerath, die auch als Dritter Freiburger Kreis bekannt ist, traf sich bis Juli 1944. In dieser Zeit entwickelte sie wichtige theoretische Ansätze für die später unter Ludwig Erhard eingeführte soziale Marktwirtschaft. Im Jahr 1948 ging aus dieser Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftliche Beirat beim Bundesministerium für Wirtschaft hervor, dessen Vorsitz Erwin von Beckerath bis zu seinem Tod 1964 innehatte. 

Nach dem Ende der Kampfhandlungen im Rheinland wurde im April 1945 damit begonnen, die Universität Bonn wiederzubeleben. Dazu berief der damalige Interimsrektor Theodor Brinkmann ein Gremium, das mit ihm aus sieben unbelasteten Professoren bestand. Erwin E. von Beckerath war einer von ihnen. 

1954 war von Beckerath maßgeblich daran beteiligt, die List-Gesellschaft erneut ins Leben zu rufen. Initiator und Mitbegründer der Gesellschaft war wiederum Edgar Salin. Nach seiner Emeritierung im Jahr 1957 übernahm von Beckerath bis 1964 Lehraufträge für Nationalökonomie an der Universität Basel. Zu seinem 75. Geburtstag im Jahr 1964 wurde ihm der Bundesverdienstorden mit Schulterband verliehen. Wenige Monate später starb von Beckerath am 23. November 1964 in Bad Godesberg.

Die Forschungsschwerpunkte von Erwin von Beckerath lagen auf der Dogmen- und Methodengeschichte, der Finanztheorie und der Verkehrswissenschaft. In den letzten Jahrzehnten konzentrierte er sich vor allem auf das Verhältnis von Wirtschaftstheorie und praktischer Wirtschaftspolitik. Die Verflechtung von Wirtschaft, Soziologie und Politik war zentral für sein Denken. 

Erwin von Beckerath heiratete im Ersten Weltkrieg Doris Emma Heydweiller (1888-1918). Sie war die Tochter des Physikers Adolf Heydweiller, der seit 1908 als Professor in Rostock lehrte und wie sein Schwiegersohn aus Krefeld kam. Die Ehe währte nicht lange, da die junge Ehefrau im Oktober 1918 während der Spanischen Grippeepidemie verstarb. 1926 heiratete von Beckerath die Schauspielerin Thea Kasten (1900-1975). Aus dieser Ehe gingen zwei Kinder hervor: Valentin und Melitta (1933-2024) von Beckerath. Erwin von Beckerath war zudem der Cousin des Wirtschaftswissenschaftlers Herbert von Beckerath. Dieser war 1925 als Professor für Staatswissenschaften und Direktor des Instituts für Gesellschafts- und Wirtschaftswissenschaften nach Bonn berufen worden. 

Der Nachlass von Erwin von Beckerath gehört zu den umfangreichsten Beständen der Handschriftenabteilung der Universitäts- und Landesbibliothek Bonn, die ihn aus Familienbesitz erhielt. Neben zahlreichen Korrespondenzen und Manuskripten finden sich in dem Nachlass u.a. Zeitungsartikel, die Promotionsurkunde und von Beckeraths Totenmaske. Insgesamt umfasst der Nachlass 70 Kapseln; die Dokumente sind in einem Inhaltsverzeichnis nachgewiesen.

Nachlässe unterliegen den Bestimmungen des Gesetzes über die Sicherung und Nutzung öffentlichen Archivguts im Lande Nordrhein-Westfalen (Archivgesetz Nordrhein-Westfalen - ArchivG NRW).


Verzeichnisse

Nachlass Erwin von Beckerath. Inhaltsverzeichnis. Bonn 2021.

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