Friedrich Diez gilt allgemein anerkannt als der Begründer der romanischen Wissenschaft. Wie schnell und einschlägig sich seine Forschungen auf die damalige romanische Philologie auswirkten, verdeutlicht der österreichische Romanist Adolfo Mussafia (1835-1905) in seinem Brief an Friedrich Diez vom 16. Mai 1873:
„Es ist sehr erfreulich zu sehen, wie die romanische Philologie immer neu und ausgezeichnete Pfleger gewinnt, wie die Lehrkanzeln, die Zeitschriften sich mehren, wie eine Nation nach der anderen sich der Arbeit anschliesst und fast Alle nach einer Methode, der von Ihnen befolgten, verfahren. Ich habe meine besondere Freude an Italien, wo ihr Name jetzt so populär ist, dass selbst Jene, welche in ganz anderer Richtung den Sprachstudien oblagen und wie natürlich die Neuerung nicht gerne sahen, sich des hohen Werthes der wissenschaftlichen Forschung bewusst sind.“
Mussafia, der die Romanistik in Wien etabliert hat, hatte Diez bei einem „unvergesslichen Besuch“ im Jahre 1862 persönlich in Bonn kennengelernt und bezeichnet diesen als einen von ihm „hochverehrten Meister“.
Selbstredend profitierte Diez bei seinen bedeutsamen Forschungen von vorangegangenen philologischen und literaturhistorischen Arbeiten, insbesondere von François Reynouards Werken Grammaire des troubadours (1816) und Lexique roman ou Dictionnaire de la langue des troubadours (1838-1844), Franz Bopps Über das Conjugationssystem der Sanskritsprache (1816), Jacob Grimms Deutsche Grammatik (1819-1837) sowie von August Wilhelm Schlegels Observations sur la langue et la littérature provençales (1818).
Aber Diez war der erste, der die romanischen Sprachen nach wissenschaftlichen Kriterien systematisiert und methodisch erforscht hat. Seine Ergebnisse hat er in der Zeit von 1836 bis 1843 in einem dreibändigen Werk mit dem Titel Grammatik der romanischen Sprachen veröffentlicht. Ebenso wichtig für die Entwicklung der romanistischen Wissenschaft war sein Etymologisches Wörterbuch der romanischen Sprachen (1854).
Die wissenschaftliche Laufbahn von Friedrich Diez war nicht aus einem Guss. Er, der am 15. März 1794 in Gießen zur Welt kam, machte einen wichtigen Schritt auf seinem Weg zum Begründer der Romanistik mit 15 Jahren, als er sich am dortigen Pädagogium der italienischen Sprache zuwandte.
Sein Lehrer war Friedrich Gottlieb Welcker, der ihn auch für die Literatur und die klassischen Sprachen begeisterte. Dieser erhielt 1809 eine Professur in Gießen, wechselte 1816 an die Universität Göttingen und lehrte schließlich ab 1819 als Professor für Philologie und Altertumswissenschaften an der Universität Bonn. Welcker wurde der wichtigste Förderer der wissenschaftlichen Karriere von Friedrich Diez.
1811 begann Diez in Gießen ein Studium der klassischen Philologie, wiederum bei Welcker, und folgte seinem Lehrer 1816 nach Göttingen. Zwischenzeitlich nahm er – als einer von mehr als 100 Gießener Studenten – im Winter 1813/1814 an den Befreiungskriegen gegen Napoleon teil. Auch hier folgte er Welcker, der diesem sogenannten Freiwilligen-Jäger-Corps als Unteroffizier zugeteilt worden war. In eine wirkliche Schlacht wurde Diez allerdings nicht verwickelt.
Zurück im Studium setzte Friedrich Diez seine Studien fort und bereitete seine ersten Veröffentlichungen vor: eine Rezension (1817) der von Jacob Grimm herausgegebenen Textsammlung Silva de romances viejos und seine eigene Übersetzung Altspanische Romanzen (1818). Letztere schickte er an keinen Geringeren als Johann Wolfgang von Goethe, den er im gleichen Jahr auch in Jena besuchte.
Dass Diez sich in den folgenden Jahren mit altprovenzalischer Sprache beschäftigte, ist vor allem Goethe zu verdanken, der ihn ausdrücklich dazu motiviert haben soll. Seine Studienergebnisse publizierte Diez in drei Werken: Über die Minnehöfe (1825), Poesie der Troubadours (1826) und Leben und Werke der Troubadours (1829). Bis es zu diesen Veröffentlichungen kam, arbeitete er in den Jahren 1819 und 1820 als Hauslehrer in Utrecht.
Die Wende hin zu einer wissenschaftlichen Laufbahn leitete der mittlerweile in Bonn lehrende Welcker ein, indem er Diez für die dortige freiwerdende Stelle als Lektor für romanische Sprachen empfahl. Wohl aufgrund dieser Aussichten stellte Diez bei seiner alten Universität in Gießen erfolgreich den Antrag, ihn wegen seiner bisherigen Studien, insbesondere seiner Übersetzung Altspanische Romanzen, zu promovieren.
Mit der Promotionsurkunde im Gepäck trat Friedrich Diez im April 1822 seine Stelle als Lektor in Bonn an. Nur ein Jahr später wurde er zum außerordentlichen Professor und schließlich 1830 zum ordentlichen Professor für neue Literatur ernannt.
Friedrich Diez war kein begnadeter Redner, der Studenten in seinen Bann ziehen konnte; seine Schüler schätzten seine wissenschaftliche Leistung, seine Freundlichkeit, seine Zugewandtheit, und dass er ihre Arbeit zu würdigen wusste. Stellvertretend dazu Adolfo Mussafia in einem Brief an Friedrich Diez vom 19. Januar 1871:
„Sie haben mich indessen mit Grammatik und Wörterbuch ein werthvolles Geschenk gemacht; wenn Ihre Arbeiten mir immer die größte Freude bereiten, so besonders in Exemplare die mir von Ihnen zukommen, die mir bezeugen mit wie großer Güte Sie meiner stets gedenken. Ich brauche Ihnen kaum zu sagen, daß ich beide Werke schon wiederholt durchgelesen habe und mit Rührung daraus entnahm, mit welcher Sorgfalt Sie jeder wenn auch so kleine Arbeiten folgen, wie bereit Sie sind, die Ergebnisse der Forschung jüngerer Männer zu verzeichnen.“
Trotz eines langjährigen Augenleidens und einer eher kränkelnden Konstitution erreichte Friedrich Diez ein hohes Alter. Er starb 82jährig, am 29. Mai 1876, in Bonn.
Dokumente zu und von Friedrich Diez werden in der ULB Bonn aufbewahrt, zum einen in seinem Nachlass, zum anderen in der Autographensammlung der ULB und in den Nachlässen Welckers und Johann Gildemeisters. Sie sind vollständig in Kalliope verzeichnet und können dort recherchiert werden. Einzelne Dokumente finden sich teilweise bereits frei verfügbar in den Digitalen Sammlungen der ULB. Gedruckte Werke von Friedrich Diez können in bonnus recherchiert werden.
Zum Einfluss Schlegels auf die Forschung von Friedrich Diez empfehlen wir den Artikel von Franz Lebsanft: "Nicht unwichtig für Diez war übrigens auch...": Die Observations sur la langue et la littérature provençales August Wilhelm Schlegels, die Episteme der Geschichte und die Entstehung der Romanistik, in: August Wilhelm Schlegel und Die Episteme der Geschichte, 2021, S. 11-50.