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01. Februar 2026

Vor 100 Jahren: Befreiung der 1. Besatzungszone des Rheinlandes Vor 100 Jahren: Befreiung der 1. Besatzungszone des Rheinlandes

Programm des Fackelzugs
Programm des Fackelzugs - NL Dyroff : 16 : 7 : 10 © ULB Bonn
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„Hol nieder die Flagge!“ und „am 1. Februar grüßt der Morgen den befreiten deutschen Niederrhein“, so hieß es in freudiger Erwartung in der Kölnischen Zeitung vom 31.01.1926. Ausführlich wurde davon berichtet, wie die Besatzungsmächte England und Frankreich jeweils ihre letzten Fahnen in Köln und Bonn eingeholt hatten. Die offizielle Besatzung dauerte exakt bis Mitternacht, danach gab es kein Halten mehr. Auf dem Domplatz in Köln „flammten Hunderte von elektrischen Lichtkörpern auf“ und „die Petrusglocke, die Deutsche Glocke am Rhein, läutete mit schweren und wuchtigen Schlägen die feierliche Kundgebung ein“. Dort hatte sich eine große Menschenmenge versammelt, die von ihrem Oberbürgermeister Konrad Adenauer auf „Einigkeit, Treue dem Volke, Liebe dem Vaterland“ [Lippert, 2005 : 114f.] eingeschworen wurde.

Ähnliches geschah in Bad Godesberg. Zu den Frauen und Männern, die sich auf dem hiesigen Burgberg eingefunden hatten, sprach Bürgermeister Joseph Zander folgende Worte: 

„Zur ungewöhnlichen Stunde haben wir uns zusammengefunden (…). Hier auf dem Godesberg, dem Wahrzeichen unseres Ortes (…) wollten wir dem bedeutsamen Glockenschlag entgegenharren, der aus unfreien wieder freie deutsche Männer und Frauen gemacht hat.“ [Zander, 1949 : 13] 

Zanders Rede war zwar nicht so emotional aufgeladen wie die von Adenauer, aber er nutzte ebenso den Ort, um die Bedeutung dieser Befreiung für die Region und für Deutschland als Nation darzulegen. Die Bonnerinnen und Bonner sahen sich nun wieder frei von Gängelung und Beschränkungen; sie mussten nicht mehr besondere Ausweise mit dem Vermerk „territoire occupé“ bei sich tragen. Zudem wurden die beschlagnahmten Wohnräume und Gebäude wie Schwimmbäder und Kornspeicher zurückgegeben. Die bedrückende Isolierung von den nicht besetzten deutschen Gebiete war endlich zu Ende. Allerdings waren die Versammlungen und die Glockenschläge um Mitternacht nur der Auftakt. Viele waren die ganze Nacht unterwegs, um die Befreiung ausgiebig zu feiern. [General Anzeiger und Bonner Zeitung vom 01.02.1926]

Nicht jeder in Bonn begrüßte diese Art des Jubelns. So schrieb der Altgermanist Rudolf Meissner am 1. Januar 1926 an den damaligen Rektor der Universität, Adolf Dyroff:

 „In das feierliche Glockengeläute um Mitternacht mischte sich ein so wüstes Schreien und Singen, dass ich über die Rohheit dieses Volkes empört war.“

Damit begründete er seine Entscheidung, nicht am Fackelzug der Studierenden teilzunehmen. Dieser begann um 8 Uhr abends am Poppelsdorfer Schloss. Von dort zogen die Studierenden zur Universität und dann weiter zum Rathaus. Überall, wo sie Station machten, sangen sie ausgewählte Lieder, um ihrer Vaterlandsliebe Ausdruck zu verleihen. [General Anzeiger vom 02.02.1926 und Bonner Zeitung vom 03.02.1926]

Die Besatzung hatte auch besondere Konsequenzen für die Universität: Die Anzahl der Studierenden sank von 7047 im Jahr 1919 auf 3007 im Jahr 1925. Gleiches galt auch für die Landwirtschaftliche Hochschule Bonns. So gab es in der Bonner Zeitung vom 3. Februar 1926 dazu Folgendes zu lesen:

„Lange Jahre in ihrem Gedeihen stark eingeengt, gehen nun die beiden Bonner Hochschulen einer besseren Zukunft entgegen und es ist zu hoffen, dass die alte Anziehungskraft Bonns seinen Hochschulen die Studierenden wieder in der früheren Fülle zuführen wird.“ 

In den Zeitungen fand sich kein Wort mehr vom Leid der Kriegsjahre: die vielen getöteten und verstümmelten Menschen auf allen Seiten, vergessen schien Verdun und die Zerstörung oder Demontage französischer Kohlebergwerke durch die Deutschen – alles Gründe, warum die Alliierten, insbesondere auf Wunsch Frankreichs, bei ihren Friedensverhandlungen in Versailles 1919 festgelegt hatten, dass das Rheinland der deutschen Kontrolle entzogen werden sollte. 

Für die junge deutsche Demokratie bedeuteten die Friedensbedingungen des Versailler Vertrages eine schwere Bürde. Eine Aufarbeitung dieses „Großen Krieges“, wie er vor dem Zweiten Weltkrieg noch hieß, fand in der Weimarer Zeit nicht statt. Vielmehr priesen die Deutschen ihren Patriotismus wie die Rheinländer nach der Befreiung, wo es am 01.02.1926 in der Bonner Zeitung hieß:

„Nun sind wir frei. (…) Nun können unsere Kinder wieder unsere lieben alten deutschen Lieder singen und an den Heldentaten deutscher Männer auf und unter dem Wasser, zu Lande, in der Luft und der tapferen Ausdauer der Frauen und Halbwüchsigen daheim sich begeistern.“ 

Nicht wenige Jahre danach begann der Aufstieg Hitlers, der in das Dritte Reich und den Zweiten Weltkrieg mündete. 

Leseempfehlung: 

Bothien, Horst-Pierre: Bonn sur-le-Rhin. Die Besatzungszeit 1918-1926. München 2018, mit vielen Fotos u.a. von der Befreiungsfeier auf dem Bonner Marktplatz am 1. Feburar 1926, S. 127f (Bilder vom Stadtarchiv Bonn).

Zander, Joseph: Godesberger Kommunalpolitik in schwerer Zeit, 1915-1933, Bad Godesberg 1949.

Hans-Georg Lippert: Der politische Kölner Dom, in: Breuer et al. (Hg.): „Deutscher Rhein – fremder Rosse Tränke“. Symbolische Kämpfe um das Rheinland nach dem Ersten Weltkrieg, Essen 2005; S. 113-128.

Helmut Vogt: Bonn in Kriegs- und Krisenzeiten (1914-1918), in: Bonn: von einer französischen Bezirksstadt zur Bundeshauptstadt 1794 - 1989, Bonn 1989, S. 437-638 (Anzahl der Studierenden, S. 493).

Lieder des Fackelzugs
Lieder des Fackelzugs - NL Dyroff : 16 : 7 : 10 © ULB Bonn
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