Erich Bessel-Hagen kam am 12. September 1898 in Berlin-Charlottenburg zur Welt. Als Bester seiner Klasse legte er 1917 das Abitur ab.
Wegen seiner extremen Kurzsichtigkeit und einer eher schwachen körperlichen Konstitution musste er zwar nicht an die Front, leistete aber als Mitarbeiter der kartographischen Abteilung des Generalstabes einen ebenso wichtigen Kriegsdienst. Gleichzeitig begann er, Mathematik und Physik an der Berliner Universität zu studieren.
Bessel-Hagen, der laut seinen Kollegen einen bescheidenen, geradlinigen und überaus hilfsbereiten Charakter besaß, wurde auch gerne als „stiller Gelehrter“ beschrieben. Wohl auch deshalb wurden viele seiner wissenschaftlichen Arbeiten, darunter auch seine Dissertation (1920) und Habilitation (1925), nicht veröffentlicht.
Für seine mathematische Begabung spricht, dass zwei der bedeutendsten Mathematiker in engem Kontakt mit ihm standen. So promovierte er in Berlin bei Constantin Carathéodory, danach war er von 1921 bis 1923 Privatassistent von Felix Klein in Göttingen.
Auf Betreiben von Otto Toeplitz wechselte Bessel-Hagen 1928 an die Bonner Universität, wo er Mathematik mit den Schwerpunkten Geschichte und Didaktik lehrte. Zudem unterstützte er Toeplitz beim Aufbau der Historisch-Didaktischen Abteilung des Mathematischen Seminars. Nachdem Toeplitz aufgrund seiner jüdischen Herkunft zwangsemeritiert wurde, übernahm Bessel-Hagen die Leitung dieser Abteilung.
Schon 1932 befürchtete Bessel-Hagen „das Schlimmste“ von den Nationalsozialisten (Brief an seine Mutter vom 4. März 1932). Er zeigte Haltung und Courage, indem er – im Unterschied zu vielen seiner Kollegen – mit Toeplitz in einem engen und herzlichen Kontakt blieb. Auch einen weiteren jüdischen Kollegen, den über Grenzen hinweg berühmten Felix Hausdorff, unterstützte Bessel-Hagen bis zu dessen Selbstmord im Januar 1942 so gut es ging. Zudem half er dabei, die Bibliothek der beiden Mathematiker zu veräußern und deren Unterlagen zu sichern.
Sein Nachlass zeugt überdies davon, wie sich in den Kriegsjahren (1939 bis 1945) eine innige Freundschaft zwischen ihm und der Toeplitz-Schülerin Elisabeth Hagemann entwickelte und welche Pläne sie seit Januar 1945 für eine „gemeinsame Lebensgestaltung“ schmiedeten.
Sie berichteten einander auch, wie sich der Krieg auf ihr Alltagsleben und ihre Arbeit auswirkt und über ihre immerwährende Sorge um die Angehörigen. Selbstredend ging es auch um Mathematik, wie Bessel-Hagen sie in seinem Brief vom 02. April 1943 wissen ließ, dass die Zahlentheorie eines seiner Lieblingsthemen sei und er sich immer freue, wenn er dieser Zeit Menschen in Bonn finde, mit denen er fachsimpeln könne. Und er schrieb ihr ausführlich, wie er seine Bücher und Unterlagen sowie Bücher des Mathematischen Seminars vor den zunehmenden Luftangriffen in Sicherheit bringen wolle.
Trotz erschöpfender Aufräumarbeiten nach den Kriegszerstörungen in Bonn und der Ungewissheit, wie es an der Universität weitergehen würde, sprechen Bessel-Hagens Briefe an Hagemann aus dem Jahr 1945 auch davon, wie sehr er sich auf eine gemeinsame Zukunft mit ihr freute.
Beide drängten auf eine rasche Heirat. In seinem letzten überlieferten Brief dieser Korrespondenz vom 07. Oktober 1945 äußerte Bessel-Hagen seinen innigen Wunsch, Elisabeth zuvor seinen Eltern vorstellen zu wollen. Dabei dachte er an den 90. Geburtstag seines Vaters am 2. Januar 1946.
Dieses Treffen fand nie statt; wohl noch im Oktober traten bei Bessel-Hagen erste Anzeichen einer schweren Erkrankung auf, wie aus einem Brief seiner Schwester Dora an Ernst Peschl vom 13. Oktober 1946 hervorgeht, zudem starb sein Vater am 20. Dezember 1945.
Bessel-Hagen überlebte ihn nur um etwas mehr als drei Monate. Geschwächt durch die Strapazen des Krieges starb Bessel-Hagen am 29. März 1946 in Bonn letztlich an einer Lungentuberkulose.
Der Nachlass von Erich Bessel-Hagen wird in der ULB Bonn verwahrt. Die hier erhaltene Korrespondenz zwischen ihm und Elisabeth Hagemann ist vollständig in Kalliope recherchierbar, wobei alle Briefe von Bessel-Hagen an Hagemann bereits in den Digitalen Sammlungen der ULB online zugänglich sind.
Aus dem Nachlass Bessel-Hagen sind mittlerweile weitere Dokumente in Kalliope nachgewiesen, darunter u.a. alle anderen Korrespondenzen, einschließlich der Familienkorrespondenz, persönliche Dokumente, Vorlesungsmanuskripte sowie dienstliche Unterlagen die Universität Bonn betreffend. Nach und nach werden weitere Dokumente in Kalliope verzeichnet und teilweise in den Digitalen Sammlungen online freigegeben, wie zuletzt ein Großteil der Freunde- und Familienfotos.
Hinweise auf den Inhalt des Briefes, den Bessel-Hagen am 4. März 1932 an seine Mutter schrieb, finden sich bei Erwin Neuenschwander: Der Nachlass von Erich von Bessel-Hagen, in: Historia Mathematica, Jahrgang 20, Heft 4, November 1993, S. 382-414, S. 385.