Ernst Robert Curtius wurde am 14.04.1886 in Thann (Elsass) in eine akademisch geprägte Familie hineingeboren. Der berühmteste Gelehrte seiner Familie war sein Großvater, der klassische Archäologe Ernst Curtius (1814-1896). Nach dem Abitur begann Curtius 1903 ein Studium der neueren Philologien (Französisch und Englisch) und der Philosophie in Berlin und Straßburg, wo er 1910 bei dem Romanisten Gustav Gröber promovierte. Drei Jahre später habilitierte er sich an der Bonner Universität mit einer Arbeit über den Schriftsteller und Literaturkritiker Ferdinand Brunetière.
Der Ausbruch des Krieges 1914 zwang Curtius, seine wissenschaftliche Karriere als Privatdozent in Bonn vorerst zu unterbrechen. Gleich zu Beginn, im August 1914, wurde er eingezogen. Er kämpfte in Frankreich an der Westfront und anschließend an der Ostfront, wo er 1915 vor Warschau einen Halsdurchschuss erlitt. Als Folge davon wurde er noch im gleichen Jahr wegen Dienstuntauglichkeit aus dem Heer entlassen. Curtius kehrte 1916 an die Bonner Universität zurück. Dort machte er sich sogleich daran, die Arbeit an einer Studie zur modernen französischen Literatur, die er bereits vor dem Krieg begonnen hatte, fortzusetzen. Diese erschien 1919 unter dem Titel Die literarischen Wegbereiter des neuen Frankreich und machte ihn über Grenzen hinweg bekannt. Da Frankreich es seiner Meinung nach geschafft hätte, altes mit neuem Gedankengut zu verknüpfen, sah Curtius darin auch die Möglichkeit, der deutschen Jugend mit dieser Studie einen geistigen Ankerpunkt nach dem katastrophalen Krieg und dem Regimewechsel anbieten zu können.
Über diese Arbeit hat Curtius mit Romain Rolland korrespondiert, dessen Werk er in „Die literarischen Wegbereiter“ besprochen hat. In einem Brief vom 11. November 1919 schrieb er ihm: „Viele Briefe habe ich über mein Buch bekommen, aber keiner hat mir solche Freude gemacht wie der Ihrige“. Und er lässt ihn wissen, wieviel ihm dieser Kontakt mit ihm, dem Franzosen, bedeutet: „Lieber Romain Rolland – ich möchte so gerne Ihnen wieder näher kommen, und über alles das sprechen, was jeder während des Krieges erlebt hat. (…) Ich habe das Abgeschnittensein von Frankreich schmerzlich entbehrt, und entbehre es jetzt doppelt. Es war für immer ein Lebensbedürfnis, die Bewegung des französischen Geistes zu verfolgen.“ Dieser Brief befindet sich im Nachlass von Curtius, der in der Universitäts- und Landesbibliothek Bonn (ULB) aufbewahrt wird und in Kalliope verzeichnet ist.
Ab 1920 lehrte Curtius als ordentlicher Professor in Marburg, von dort folgte er 1924 einem Ruf nach Heidelberg. Schließlich kehrte er 1929 an die Bonner Universität zurück, wo er bis zu seiner Emeritierung im Jahr 1951 lehrte.
In den Jahren bis zur Machtübernahme der Nationalsozialisten veröffentlichte Curtius eine Reihe von journalistischen Artikeln, in denen er seine Sichtweise auf die Kultur Deutschlands und Frankreichs auch einem breiteren Publikum vermittelt hat. Was Frankreich betrifft, so zeichnete Curtius neben einem positiven zunehmend auch ein negatives, europafeindliches Frankreichbild. Die Wurzeln dafür sieht er in der französischen Klassik. Damit definierte der „Grenzgänger“ Curtius ein ‚Bild‘, was nach seinen kulturellen Maßstäben Deutschland von Frankreich abgrenzte. Andererseits sah er die deutsche Kultur bzw. das ‚Deutsche‘ verwoben mit [west]europäischen Traditionen. Diesem ‚Europa des Geistes‘ fühlte er sich verpflichtet, diesen Geist galt es nach dem Krieg quasi wiederzubeleben.
In diesem Kontext sorgte sich Curtius um die deutsche Kultur und damit auch um die deutsche Bildung. Diese Sorge verstärkte sich noch durch die nationalsozialistischen Vorstellungen von Kultur und Nation. Darauf reagierte Curtius 1932 mit der Streitschrift Deutscher Geist in Gefahr. Trotz dieser offenen Kritik am Nationalsozialismus blieb Curtius von Repressalien verschont. In der Zeit von 1933 bis 1945 hielt sich Curtius mit Publikationen und öffentlichen Auftritten zurück und ging stattdessen in eine Art innere Emigration. Er nutzte die Zeit für philologische Studien des Mittelalters, deren Ergebnisse er 1948 unter dem Titel Europäische Literatur und lateinisches Mittelalter veröffentlichte. Es gilt als sein Hauptwerk und festigte sein internationales Renommee in den Nachkriegsjahren.
Ernst Robert Curtius starb am 19. April 1956, fünf Tage nach seinem 70. Geburtstag, in Rom.
Er verstand sich als Hüter und Vermittler einer von ihm definierten literarischen Tradition, welche er als „Medium“ ansah, „in dem der europäische Geist sich seiner selbst über Jahrtausende hinweg versichert“ (Europäische Literatur und lateinisches Mittelalter, 1948, S. 399). Wohl auch zu diesem Zweck unterhielt er zahlreiche persönliche Kontakte. Es wird geschätzt, dass er weit über 10.000 Briefe geschrieben hat, wovon allerdings auch etliche verloren gegangen sind.
In seinem Haus in Bonn, in dem er zusammen mit seiner Frau Ilse, geb. Gsottschneider, lebte – einer Heidelberger Studentin, die er am 15. Februar 1930 geheiratet hatte -, begrüßte er eine Vielzahl an Gästen, worüber sein Gästebuch Auskunft gibt.
In der Forschung wird Ernst Robert Curtius selten nur als ein über Grenzen hinweg bedeutender Romanist beschrieben, sondern gerne auch als Komparatist, Literaturhistoriker, politischer Kommentator, Humanist, Europäer, Grenzgänger, Brückenbauer, Kulturvermittler und/oder konservativer Geistesaristokrat.
Das wissenschaftliche Werk des „Brückenbauers“ Curtius, „sein Denken“, so Golo Blasche in seinem Buch Dynamische Erinnerung (2021), „polarisiert, und das bis heute“ (S. 13). Für die Forschung bleiben also noch zahlreiche Fragen offen.
Der umfangreiche Nachlass von Ernst Robert Curtius befindet sich im Besitz der ULB. Neben einer Reihe von Sonderdrucken und Manuskripten befindet sich darin auch der „größte geschlossene Bestand von Curtius-Briefen und ihn betreffenden Dokumenten“ (Hausmann, Ernst Robert Curtius. Briefe aus einem halben Jahrhundert, 2025, S. 17). Der Nachlass ist vollständig in Kalliope erschlossen und wird, soweit urheberrechtlich möglich, sukzessive in den Digitalen Sammlungen bereitgestellt.