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Was ist Provenienzforschung?

Die Provenienzforschung befasst sich grundständig mit der Herkunft von Objekten.

Ihren eigenen Ursprung hat sie in der seit jeher bestehenden Aufgabe gewisser Einrichtungen, den Ursprung der einzelnen Objekte ihrer Sammlungen – etwa im Rahmen einer Katalogisierung oder Echtheitsüberprüfung – zu erforschen und die ‚Objektgeschichte‘ anhand der mitunter diversen Vorbesitzer*innen nachzuzeichnen.

Die Provenienzforschung ist dabei unabhängig sowohl von der Art der zu untersuchenden Objekte oder ihrem Wert als auch von der Einrichtung oder Körperschaft, in deren Besitz sie sich befinden, also etwa einem Museum oder Archiv, einer Bibliothek oder Firma, eines Vereins oder gar einer Privatperson.

Seit den 1980er Jahren rückt die Provenienzforschung jedoch unter einem anderen Aspekt verstärkt in den Fokus, indem die ethische Verpflichtung zur Überprüfung der rechtmäßigen Erwerbung eines Objekts aus dem musealen Bereich heraus thematisiert wurde.

Besonders die während der Zeit des Nationalsozialismus verfolgungsbedingt entzogenen Kunstwerke und weiteren Objekte standen zunächst im Zentrum der Aufmerksamkeit: So einigten sich mit den ‚Washington Principles‘ von 1998 zunächst insgesamt 44 Staaten auf Richtlinien zur Förderung von Identifizierung, Dokumentation und – sofern noch möglich – Restitution geraubter Objekte im Rahmen einer „gerechten und fairen Lösung“.

Weiterhin sollten auch die ehemaligen Eigentümer*innen und deren Erb*innen dazu ermutigt werden, Anspruch auf die entzogenen Gegenstände zu erheben. In Deutschland erfuhren die ‚Washington Principles‘ ihre Umsetzung in der so genannten ‚Gemeinsamen Erklärung‘ von 1999.

Somit werden seit mittlerweile mehr als zwanzig Jahren solche, aber auch verstärkt Projekte zu Objekten kolonialzeitlicher Herkunft oder aus der ehemaligen SBZ bzw. DDR stammenden Gegenständen betrieben und gefördert – seit 2015 unter dem Dach des Deutschen Zentrums Kulturgutverluste in Magdeburg.

Provenienzprojekte in Bibliotheken machen dabei gegenüber denjenigen in Museen oder Archiven allerdings immer noch den kleineren Teil aus, wobei auch hier das Problembewusstsein mittlerweile weit verbreitet ist.

Seite aus dem Akzessionsjournal der ULB Bonn, Erwerbungsjahr 1937
Seite aus dem Akzessionsjournal der ULB Bonn, Erwerbungsjahr 1937 © ULB Bonn

In der Öffentlichkeit erfuhr die Provenienzforschung besonders durch einige spektakuläre Raubgut-Fälle besondere Aufmerksamkeit: Hier kann einerseits der Fall der ‚Sammlung Gurlitt‘, welcher in den Jahren 2017/18 in Bonn und Bern mit einer vielbeachteten Ausstellung gewürdigt wurde, und andererseits die Angelegenheit einiger geraubter Gemälde Gustav Klimts, deren Umstände besonders in Simon Curtis‘ Spielfilm ‚Die Frau in Gold‘ von 2015 rezipiert wurden, genannt werden.

Weiterhin rief in der jüngeren Vergangenheit das in der Kolonialzeit erworbene und nun im neu errichteten Berliner Humboldt Forum ausgestellte Sammlungsgut in umfangreicher Weise Kritik hervor, die unter anderem im  ZDF Magazin Royale anschaulich aufbereitet wurde.


Weiterführende Literatur:

  • Alker, Stefan u. a., NS-Provenienzforschung und Restitution an Bibliotheken (Praxiswissen), Berlin u. Boston 2017.
  • Schwartz, Johannes, Was ist Provenienzforschung? Die Washingtoner Prinzipien, ihre Umsetzung in Deutschland und Forschungen in der Landeshauptstadt Hannover, in: Spuren der NS-Verfolgung. Provenienzforschung in den kulturhistorischen Sammlungen der Stadt Hannover, hrsg. v.  Dems. u. Simone Vogt, Köln 2019, S. 16-25.
  • Hall, Murray G., NS-Provenienzforschung: Vergangenheit und Zukunft, in: Was bleibt? Bibliothekarische NS-Provenienzforschung und der Umgang mit ihren Ergebnissen (Veröffentlichungen der Forschungsstelle Nachkriegsjustiz 5), hrsg. v. Markus H. Lenhart u. Birgit Scholz, Graz 2018, S. 11-16.
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